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Bettgeschirr mit Feldherrn-Antlitz und eine Papiersoldaten-Armee

Ein Nachttopf mit Napoleon-Bildnis, 200 Jahre alte Uniformen und Skelettreste gehören unter anderem zu den spektakulären Exponaten der Völkerschlacht-Sonderschau im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden (MHM). Am 5. September öffnete die Ausstellung „Blutige Romantik – 200 Jahre Befreiungskriege gegen Napoleon" ihre Türen. Kurator ist der Museumshistoriker Dr. Gerhard Bauer. Doch das Geschehen rund um die Napoleonischen Armeen fasziniert ihn schon seit Kindertagen.

Dr. Gerhard Bauer, der Kurator der Ausstellung „Blutige Romantik“ im Dresdner Militärhistorischen Museum, bereitet zusammen mit einem Mitarbeiter eines der Ausstellungsstücke für die Eröffnung vor.

Soldaten-Figuren präsentiert (Quelle: LKdo SN/Riedel)Größere Abbildung anzeigen

Unsere neue Sonderausstellung soll den Begriff der Romantik hinterfragen, der mit der Zeit der Befreiungskriege verbunden wird, und das große Leid dieser Epoche zeigen“, sagt Dr. Gerhard Bauer, der Kurator der neuen Völkerschlacht-Ausstellung im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. Ein blutbeflecktes Eichenblatt symbolisiert deshalb die Schau und steht für den aufkeimenden deutschen Nationalstaat und das deutsche Militär.

Im Museum in Dresden auf dem Olbrichtplatz werden auf der Sonderausstellungsfläche im rechten Altbauflügel des Erdgeschosses mit rund 500 Exponaten die Ereignisse rund um die Befreiungskriege von 1813 in Erinnerung rufen. 100.000 Menschen waren in der Völkerschlacht bei Leipzig gestorben. Uniformteile, das Skelett eines in der Schlacht durch eine Kugel getroffenen Pferdes und ein mit Napoleons Antlitz verziertes Bettgeschirr sind nur einige der aufsehenerregenden Exponate, die bis Mitte Februar 2014 im Dresdner Museum ausgestellt werden. Begleitet wird die Ausstellung durch zahlreiche Veranstaltungen, darunter die Präsentation zeitgenössischer Kompositionen zur Völkerschlacht, Buchlesungen, Vorträge und Filmvorführungen.

Die Internationalität der Befreiungskriege und die Bedeutung der russischen Regimenter aufzuzeigen, ist eines der Anliegen des Kurators Dr. Gerhard Bauer. „Nur weil der russische Zar nach dem Sieg von 1812 über die kaiserlich-französische Armee den Kampf bis zum Ende der Herrschaft Napoleons fortsetzen wollte und mit seinen Armeen nach Deutschland vorrückte, war es Preußen überhaupt möglich, 1813 die erzwungene Allianz mit Frankreich zu verlassen und den Befreiungskrieg gegen Napoleon zu beginnen“, beschreibt der Kurator. Zu seinen Lieblingsstücken gehört deshalb auch eine Mitra, eine hohe, nikolausmützenartige Kopfbedeckung des russischen Grenadierregiments „Pawlowski“, ab 1813 eines der Leibgarde-Regimenter des Zaren.

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Nachttopf mit dem Bildnis Napoleons.

Bettgeschirr mit Feldherren-Porträt (Quelle: Sandstein Verlag)Größere Abbildung anzeigen

Wiederentdecktes aus Privatbesitz

Ein Kreuz des Militär-St.-Heinrichs-Ordens ist eines der spektakulären Exponate der Ausstellung. Es soll Friedrich August I. gehört haben, dem ersten König von Sachsen. Das Ordenszeichen wurde ausschließlich an Offiziere für militärische Verdienste verliehen. Das in der Ausstellung gezeigte Kreuz galt seit 1945 als Kriegsverlust und war verschollen. Erst vor zwei Jahren wurde es wiederentdeckt und aus Dresdner Privatbesitz an das Museum übergeben.

Aus dem Stadtmuseum Bautzen, östlich von Dresden, stammt das Ensemble eines französischen Kürassiers, das aus Helm, einem gefütterten eisernen Brust- und Rückenpanzer, einem Pallasch und einem Kartuschkasten besteht. Auf dem Bandelier, dem Gurtband an dem der Kartuschkasten befestigt ist, konnten die Experten des Militärhistorischen Museums erst vor wenigen Monaten Speichelreste nachweisen. Auch der Dolman, die reich verzierte Jacke eines Prominenten der Befreiungskriege, wird im Museum ab 6. September präsentiert: „Freiherr Peter von Colomb war Husar und eine der schillerndsten Gestalten der Befreiungskriege, er war der Schwager des preußischen Generalfeldmarschalls Gebhardt Leberecht von Blücher und hat erfolgreich Kommandoaktionen hinter den französischen Linien durchgeführt“, erzählt Bauer.

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Die Jacke des Husaren Peter von Colomb, eine der schillerndsten Gestalten der Befreiungskriege.

Reich verzierte Uniformen. (Quelle: LKdo SN/Riedel)Größere Abbildung anzeigen

Papiersoldaten-Armee nicht nur für Zinnfiguren-Fans

Die Napoleonischen Kriege en miniature sind Thema einer kleinen Extra-Ausstellung in einer Halle hinter dem Hauptgebäude des Militärhistorischen Museums. Unter dem Motto „Zinnfiguren bluten nicht“ werden hier Miniaturen von Soldaten aus der Zeit der Befreiungskriege gezeigt. Ganz im Stile der Befreiungskriege ist das Dach der Zinnfigurenausstellung aus blaugestreiftem Stoff einem napoleonischen Generalstabszelt nachempfunden. Die präsentierte Sammlung von 1.500 Papier-Zinnfiguren ist eines der Lieblingsstücke des Kurators. Sie stammt aus dem Historischen Museum in Straßburg. „Die kleine Papiersoldaten-Armee wurde für den Elsässischen Sammler Fritz Kieffer hergestellt und wir wissen, dass er damit gegen die französische Niederlage 1870/71 protestieren wollte“, erzählt Bauer. In einer dreimal vier Meter großen Glasvitrine stehen die Soldaten in Reih und Glied, aus Papier gefertigt, an Holzklötzchen geklebt und auf der Rückseite mit eleganten lateinischen Buchstaben beschriftet. „Die Papierarmee ist eine der besten uniformkundlichen Quellen der napoleonischen und Rheinbund-Armeen, die es in Europa gibt“, schwärmt Bauer.

Viele der gezeigten Zinnfiguren-Dioramen stammen aus der Sammlung des früheren Armeemuseums der NVA in Dresden. Sie sind restauriert und werden nun ausgestellt, darunter auch das Diorama der Schlacht bei Möckern am 16. Oktober 1813, das rund 800 Zinnsoldaten vor einer sächsischen Landschaft zeigt. Zahlreiche weitere Dioramen wurden von Mitgliedern der Sammlervereinigung „Klio“ aus Dresden und dem Umland extra für die Ausstellung gefertigt oder zur Verfügung gestellt.

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Schützenscheibe. Napoleon I. Bonaparte vor dem brennenden Moskau 1812.

Schützenscheibe mit Napoleon. (Quelle: Sandstein Verlag)Größere Abbildung anzeigen

Kurator als Zinnfigurensammler

Spannend dürfte für die Museumsbesucher auch die Ausstellung der beinahe 50 zentimetergroßen Soldatenpuppen von Marius Niemietz sein, die mit Bekleidung und Waffen aus Originalmaterialien ausgestattet sind. „Das ist ein neuer Trend in der Sammlerszene“, so Bauer. Der Figurenteil der Ausstellung lag ihm besonders am Herzen: Der Kurator hat mit zehn Jahren seine ersten Zinnfiguren geschenkt bekommen, einen bayrischen Infanteristen, einen preußischen Offizier und dazu einen französischen Grenadier. „Zinnfiguren sind die Einstiegsdroge für Militärhistoriker, das lässt einen nie mehr los“, so Bauer. Auch privat sammelt er die Figuren, 3.000 Miniatursoldaten hat er in Vitrinen in seiner Diele in der Wohnung im heimischen Dresden. Dazu gehört ein großes Archiv an Militärmusik.

Das 18. und 19. Jahrhundert ist Bauers bevorzugte Epoche, denn es war die Zeit der schönen Uniformen und der großen Gesten. „Ich bin ein Augenmensch und das Schmücken und Inszenieren war damals wesentliches Element fürstlicher und militärischer Repräsentations-Armeen“, erzählt Bauer. „Blutige Romantik“ ist seine erste große Ausstellung, das Thema für ihn beinahe Herzenssache: Der gebürtige Bayer hat von 1984 bis 1995 in Erlangen, Paris und im schottischen Edinburgh studiert, geforscht und zum Mythos Napoleons promoviert. Als Historiker war er schon am Bayrischen Armeemuseum in Ingolstadt beschäftigt und am Haus der Geschichte in Bonn. Seit 1997 ist Gerhard Bauer am Militärhistorischen Museum der Bundeswehr, das 1991 aus dem Dresdner Armeemuseum hervorging.

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Zur Ausstellung, die Dr. Gerhard Bauer konzipiert hat, gehören auch einige Gemälde aus der Zeit der Befreiungskriege.

Der Kurator vor einem Exponat. (Quelle: LKdo SN/Riedel)Größere Abbildung anzeigen

Heerschau der Völker Europas

Bauer hat zusammen mit seinen Mitarbeitern die Völkerschlacht-Ausstellung entwickelt und unter anderem die reich verzierten Helme, Gedenktafeln aus Kirchen, sowie Gemälde und Uniformteile über die Monate zusammengetragen. „Die Faszination der Völkerschlacht und der Befreiungskriege um 1813 besteht darin, dass es einerseits eine Heerschau der Völker Europas um diese Zeit ist, mit der Vielfalt der Uniformen und der Pracht der Garden. Andererseits bedeutete es aber auch unsägliches Leid sowohl für die Uniformierten als auch für die Bevölkerung rund um die Schlachtfelder“, beschreibt Bauer. Der Gegensatz zwischen militärischem Pomp und der furchtbaren Realität auf den Schlachtfeldern ist für den Militärhistoriker von besonderem Interesse. „Im Unterschied zum Zweiten Weltkrieg war während der Befreiungskriege die Chance oder Gefahr, dem Gegner direkt ins Auge zu blicken, viel höher, die Truppen bewegten sich zu Fuß, auf dem Pferd oder mit Kutschen nur sehr langsam voran, die Abstände zwischen den einzelnen Kämpfen waren größer. Die Überlebenschancen waren bei Verwundung wesentlich geringer, es gab keine Schmerz- oder Betäubungsmittel, Entscheidungen fielen oft mit dem Bajonett statt mit dem Gewehr“, so Bauer.
Er erzählt von Überlieferungen, die Leichenberge, die schlechte Versorgung für Verwundete und das Leid der Zivilbevölkerung beschreiben. Noch heute würden tote Soldaten aus der Völkerschlacht unter der Erde im Leipziger Gebiet vermutet, die wenigsten seien bisher geborgen.

Für Kurator Dr. Bauer steht nun nach der Eröffnung der Sonderausstellung schon die nächste Konzeption auf dem Programm: Am 1. August 2014 soll im Militärhistorischen Museum unter seiner Regie eine Ausstellung zum Ersten Weltkrieg eröffnet werden.

Info
„Blutige Romantik – 200 Jahre Befreiungskriege gegen Napoleon“,
Sonderausstellung zur Völkerschlacht im Militärhistorischen Museum in Dresden,
Olbrichtplatz 2, 01099 Dresden;
geöffnet von 6. September 2013 bis 16. Februar 2013,
täglich 10 Uhr bis 18 Uhr, montags 10 Uhr bis 21 Uhr, ab 18 Uhr
mittwochs geschlossen,
Eintritt für Bundeswehrangehörige frei

Link zum Programm rund um die Sonderausstellung im MHM: http://www.mhmbw.de/index.php/veranstaltungskalender

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Stand vom: 25.11.13 | Autor: 


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