Logo führt zum Auftritt der Streitkräftebasis

Sie sind hier: Startseite > Service > Archiv > 2019 > April > Bodendetonation, Spürergebnis und All-Clear-Meldungen

Bodendetonation, Spürergebnis und All-Clear-Meldungen

Multinationale Kooperation im Bereich ABC: 360 Teilnehmer aus 14 Nationen üben bei Brave Beduin 2019 gemeinsam die Warn- und Meldewege für atomare, biologische oder chemische Bedrohungsszenarien. Konzipiert als „high intensity“-Übung, werden an fünf Tagen rund 750 sogenannte „Lagen“ in die insgesamt 38 Auswertezellen eingespielt. Ziel der Übung in Skive (Dänemark) ist, neben dem Verinnerlichen der ABC-Meldemodalitäten, die Intensivierung der „interoperability“ – der eng vernetzten Kooperation mit den internationalen militärischen Partnern der Bundeswehr.

Der Kommandeur wird in der Auswertezelle an der Wandkarte über mögliche Vorgehensweisen informiert.
Beim Commander’s Briefing liegt der Fokus auf dem Vorstellen möglicher taktischer Handlungsoptionen. (Quelle: LKdoHB/Kullick)Größere Abbildung anzeigen

„Lichtblitz Richtung Sønderburg, flash to bang 21“ kommt per Beobachtermeldung rein. Sofort setzt im sogenannten „Collection Center“ (CC) – der Auswertezelle – Betriebsamkeit ein. Unter Berücksichtigung der aktuellen Wetterlage, der weiter eintreffenden Beobachtermeldungen, sowie Zeitangaben und den übersendeten Parametern der beobachteten Detonation berechnet das Team in der „CC“ die Gefahrenzone sowie die Dimension des „Fallouts“, der atomaren Niederschlagswolke. Im Anschluss übermittelt die Zelle sämtliche Erkenntnisse an die gefährdeten militärischen „Units at risk“ in der Detonationsumgebung sowie an alle zivilen Katastrophenschutzstellen. Währenddessen bringt ein Melder im Laufschritt einen zerknitterten E-Mail-Ausdruck mit Zusatzinformationen, deren Richtigkeit es erst einmal zu bewerten gilt. Alles scheint gleichzeitig zu passieren, und doch bleibt die Hektik aus – es herrscht die Ruhe der intensiven Konzentration. Die bedrohten Ortschaften tragen zwar allesamt dänische Namen, doch wie die von den dänischen Gastgebern verfasste „roadmap to crisis“ darlegt, finden doch alle Bedrohungsszenarien zwischen den fiktiven Nationen „Sweraland“ und „Nordland“ statt.

Brave Beduin: Übung mit Tradition

Insgesamt üben bei Brave Beduin 2019 rund 360 Teilnehmende aus 14 Nationen, dabei stellt die Bundeswehr mit 61 Soldatinnen und Soldaten das größte ausländische Kontingent. Brave Beduin findet 2019 schon im 41. Jahr statt. Auch gerade wegen dieser Tradition schätzt Oberstleutnant Georg Gnan vom Kommando Territoriale Aufgaben der Bundeswehr und Führer des deutschen Kontingents, Brave Beduin noch immer als „einmalige Gelegenheit“: „Bei solch einer gewachsenen Übung kann man sich gut über die Schulter schauen und nach jahrelanger Zusammenarbeit auch ganz anders miteinander umgehen.

Multinationales Training für den Ernstfall

Die Übenden agieren auf unterschiedlichen Ebenen: Die 38 CCs sind in ihren jeweiligen Verantwortungsbereichen, den sogenannten „areas of responsibility“, die ersten Ansprechpartner. Dort rufen alle an: besorgte Bürger, Vertreter der Polizei und Feuerwehr, militärische Melder, sogar die Bombenleger selbst. Es gilt, alle eingehenden Informationen auszuwerten, andere entsprechend zu warnen und an die übergeordnete Ebene weiter zu melden. Dort sind die sogenannten „Zone Control Centers“ (ZCCs) angesiedelt, welche wesentlich größere Bereiche überwachen und aus den Einzelmeldungen der CCs ein differenziertes Lagebild erstellen. Die höchste Ebene bildet das ACC („Area Control Center“), dort behält man den Gesamtüberblick über alle Entwicklungen.

Das Herz der Übung: die „White Cell“

Blick in die Halle, in der die Übungsleitung an einer überdimensionalen Karte die Lagen nachverfolgt.
In der White Cell, der Übungsleitung, behält man den Überblick über sämtliche Lagen. (Quelle: LKdoHB/Kullick)Größere Abbildung anzeigen

Doch ohne sie gibt es gar nichts zu melden: die Übungsleitung, genannt „White Cell“. Rund um eine überdimensionale Bodenkarte angesiedelt, sitzt die Gruppe, die den Stress produziert. Hier wird nicht nur bestimmt, mit welcher Frequenz die komplexen Lagen auf die CCs einprasseln, sondern auch deren jeweilige Eskalationsstufe. Auch kommen aus der White Cell alle Anrufe, die in den einzelnen CCs eingehen – militärische sowie zivile Melder. Kreativität beim Spielen der jeweiligen Rolle ist definitiv gewünscht, sei es im Dialekt des Anrufers, dem Einspielen lauter Sirenen im Hintergrund oder plötzlich abbrechenden Verbindungen: „Von solchem persönlichen Einsatz lebt die Authentizität der Übung.“, so Oberstleutnant Gnan. Das extrem hohe Meldeaufkommen mit den vielen unvorhersehbaren Wendungen in den Szenarien ist natürlich auch durch die Übungskünstlichkeit bedingt. Aber wie Oberstleutnant Gnan betont: „Je intensiver unsere ABC-Auswerter ausgebildet sind, desto besser!“

Beraten des Kommandeurs als neuer Schwerpunkt

Mit dem Slogan „Conduct, train, enhance“ sind die Ziele der Übung kompakt zusammengefasst. Neben dem Trainieren der Warn- und Meldemodalitäten für jedes erdenkliche ABC-Bedrohungsszenario sind in diesem Jahr häufige „Commander’s Briefings“ gefordert – eine Übungsneuheit, wie Oberstleutnant Andreas Petry vom ABC-Abwehrkommando in Bruchsal erklärt: „Das Beraten des Kommandeurs hinsichtlich von Lage und taktischen Handlungsoptionen ist neben dem Warn- und Meldedienst eine weitere zentrale Leistung der Zellen.“ Oberstleutnant Petry ist als Beobachter vor Ort. Ihn interessiert besonders, ob die derzeitige ABC-Ausbildung die Soldatinnen und Soldaten adäquat für Krisenszenarien vorbereitet. „Mein Eindruck ist ganz deutlich, dass die Ausbildung funktioniert. Es ist interessant zu sehen, wie die einzelnen Akteure die Vorgaben mit individuellen Besonderheiten umsetzen.“

Stresstest für die Auswerter und für die Software

Blick auf einen Bundeswehr-Laptop, auf dessen Bildschirm die Auswertesoftware NEWS zu sehen ist.
Die Bundeswehr arbeitet mit der Auswertesoftware NEWS. (Quelle: LKdoHB/Kullick)Größere Abbildung anzeigen

Auf eigene Kosten mit vor Ort sind auch Yuecel Ahi und Daniel Linsenmeyer von der Firma tms aus Bonn, dem Hersteller des von der Bundeswehr genutzten Auswerteprogramms „NEWS“. Ihnen ist wichtig, so stellt Ahi klar, ein „einwandfreies Produkt zu bieten“. Zu diesem Zweck schätzt er besonders, dass sich bei Brave Beduin jährlich die Gelegenheit bietet, in unkomplizierten Austausch mit den Nutzern der Software zu kommen: „Hier können wir unmittelbar erleben, wie das Programm konkret angewendet wird, was für die Nutzer funktioniert und was sie sich für Verbesserungen wünschen.“ Solch direkter Input, quasi „auf dem kleinen Dienstweg“, ist für beide Seiten fruchtbar und hat in den vergangenen Jahren immer wieder in Optimierungen der NEWS-Software resultiert. Gleichzeitig testet das Team von tms die technische Interoperabilität seines Produkts mit den anderen auf dem Markt erhältlichen Auswerteprogrammen. Dennoch wird bei aller fortschrittlichen Technik auch die „klassische Variante“ praktiziert, und an der Wandkarte rechnet das Team der Auswertezelle mit Zirkel und Geodreieck nach. Manche der von der „White Cell“ eingespielten Katastrophenfälle sind auch explizit als Stromausfall deklariert. Dann muss die Auswertung tatsächlich ganz ohne technische Unterstützung geleistet werden.

Netzwerken innerhalb der ABC-Auswerte-Community

Flaggenparade mit den angetretenen Kontingenten aller 14 an der Übung teilnehmenden Nationen
Multinationale Übung mit 360 Teilnehmern: feierliche Flaggenparade für die 14 teilnehmenden Nationen. (Quelle: LKdoHB/Kullick)Größere Abbildung anzeigen

Neben der hohen Schlagzahl an theoretischen Lagen, die es präzise einzuschätzen und auszuwerten gilt, steht natürlich auch der fachliche Erfahrungsaustausch mit den anderen Übungsteilnehmern im Fokus. „Ich nehme viele neue internationale Kontakte mit,“ sagt Oberstleutnant Petry vom ABC-Abwehrkommando. „Das hier bringt uns echt weiter!“


Fußzeile

nach oben

Stand vom: 12.04.19 | Autor: 


http://www.kommando.streitkraeftebasis.de/portal/poc/kdoskb?uri=ci%3Abw.skb_kdo.service.archiv.2019.april&de.conet.contentintegrator.portlet.current.id=01DB040000001001%7CBB6EKP357DIBR